Aspekte in der Bewertung und Behandlung von Risiken und Chancen, die oft vernachlässigt werden (gemäß ISO 27001)

Einige Gedanken bezüglich Risiko Betrachtung, und vernachlässigte Themen
Zuerst die Basics aus der Norm ISO / IEC 27001
6.1 Behandlung von Risiken und Chancen (Risk and opportunities)
6.1.1 Erstellung eines Plans zur Behandlung von Risiken und Chancen und der Integration dessen in das ISMS (Strategie, Plan)
Berücksichtigung der Themen aus 4.1 und Anforderungen aus 4.2: (P.E.S.T.E.L.)*
Wirksamkeitskontrolle der implementierten Maßnahmen (Wirksamkeitskontrolle nötig? Ja, nein, was, wer, wann, wie…)
6.1.2 Risikobewertung:
Die Organisation muss einen Prozess definieren, welcher
- Kriterien für Bewertung und Risikoakzeptanz benennt,
- wiederholbare Ergebnisse bringt, (nachvollziehbar, erklärbar)
- Verlust von Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit im ISMS Scope adressiert (V.I.V. oder C.I.A.),
- Risikoeigentümer festlegt, (Owner)
- Risikoeinschätzung, Bewertung der Eintrittswahrscheinlichkeit, und Analyse der Auswirkungen bestimmt, Risikoniveaus festlegt,
- Einfluss auf Kundenzufriedenheit und / oder auf die Qualität von Produkt & Dienstleistung
- Vergleich der Risiken mit den Risikokriterien durchführt,
- Priorisierung der Risikobehandlung durchführt.
Dokumentierte Bewertungen müssen vorliegen (Akte)
6.1.3 Risikobehandlung
Die Organisation muss einen Prozess definieren, welcher
- Die Auswahl von Maßnahmen zur Risikominderung durchführt,
- Die Implementierung der Maßnahmen verwaltet. (wer, was, wann, wie…)
Aspekte die zu berücksichtigen sind:
- Dokumentierte Risikoakzeptanz durch Risikoeigentümer
- Vergleich mit Anhang A der Norm 27001:2022 und referenzieren der Maßnahmen (Gesamter Annex)
Es muss eine Erklärung zur Anwendbarkeit erstellt werden (SOA: Statement of Applicability)
- Dokumentation der Gründe für Einbeziehung oder Nichteinbeziehung
8.2 Informationssicherheitsbewertung in geplante regelmäßige Intervalle, und ad-hoc nach Bedarf.
8.3 Implementation eines dokumentierten Informationssicherheit Risiko Maßnahmenplans ( = Risikoakte + Maßnahmenakte)
*) P.E.S.T.E.L. : Political – Economic – Social – Technological – Environmental – Legal
Nächste Ebene
Was bedeutet, die ganze Norm ist Risikobasiert? Achtung, es gibt direkte und indirekte Anforderungen:
Gesamtüberblick: Wo fordert ISO/IEC 27001:2022 Risikobewertung?
Die Norm fordert Risiko an drei Ebenen:
- ISMS‑Risiko (klassische Informationssicherheitsrisiken)
- Risiko im Betrieb (Änderungen, Projekte, Outsourcing, Lieferanten)
- Risiko in Controls (Annex A fordert risikobasierte Entscheidungen)
- Informationssicherheit als ganzes, nicht nur IT Sicherheit
1. Direkte Anforderungen im Hauptteil der Norm
Kapitel 6 – Planung
6.1.2 – Informationssicherheits‑Risikobewertung
Pflicht zur Durchführung einer formalen Risikobewertung. → Kernanforderung der Norm
6.1.3 – Informationssicherheits‑Risikobehandlung
Pflicht zur Auswahl von Maßnahmen basierend auf der Risikobewertung.
6.3 – Planung von Änderungen
Änderungen am ISMS müssen risikobasiert geplant werden. → indirekte Risikobetrachtung
Kapitel 8 – Betrieb
8.2 – Durchführung der Informationssicherheits‑Risikobewertung
Operative Durchführung der Risikobewertung gemäß 6.1.2.
8.3 – Durchführung der Risikobehandlung
Operative Umsetzung der Risikobehandlung gemäß 6.1.3.
2. Indirekte Risikoanforderungen im Hauptteil
Diese Kapitel nennen das Wort „Risiko“ nicht zwingend, verlangen aber risikobasierte Entscheidungen:
4.1 – Verstehen der Organisation und ihres Kontextes
Identifikation von Themen, die Risiken beeinflussen. → indirekt risikobasiert
4.2 – Erfordernisse und Erwartungen von interessierten Parteien
Risiken aus Anforderungen (z. B. Kunden, Behörden).
5.1 – Führung und Verpflichtung
Top‑Management muss risikobasiertes Denken fördern, muss sich im Risiko Bewertungen, Akzeptanz und Entscheidungen einbringen.
5.2 – Politik
ISMS‑Politik muss risikobasiert sein.
9.1 – Überwachung, Messung, Analyse und Bewertung
Wirksamkeit der Risikobehandlung muss bewertet werden (Wirksamkeitskontrolle, auch unter 6.1.1 e 2 adressiert)
9.3 – Managementbewertung
Management muss Risikosituation und Risikobehandlung bewerten.
10.1 – Nichtkonformität und Korrekturmaßnahmen
Korrekturmaßnahmen müssen risikoorientiert sein.
3. Annex A – Controls mit direkter oder indirekter Risikoanforderung
Achtung: letztendlich sind alle Maßnahmen aus dem Annex, Risiko-mitigierende Maßnahmen aus der Risikoanalyse, deshalb wird auch ein Abgleich mit dem Annex gefordert, um die Vollständigkeit sicherzustellen
Unten findest du eine umfangreiche Liste von Controls, die Risiko explizit oder implizit verlangen – inklusive Kontext für Logistik, Lieferanten, Projekte und Change Management. Man kann es sicher auch anders sehen! Aber dies ist hoffentlich eine Gute Basis um in die Tiefe zu steigen.
A.5 – Organisatorische Maßnahmen
A.5.3 – Segregation of Duties
Risikobasierte Trennung von Aufgaben.
A.5.7 – Threat Intelligence
Risikoanalyse externer Bedrohungen.
A.5.12 – Classification of Information
Klassifizierung basiert auf Risiko und Schutzbedarf
A.5.13 – Labelling of Information
Kennzeichnung gemäß Risikoklasse / Schutzbedarfsklasse
A.5.14 –Information transfer (Ebenso wie A.5.10 Acceptable Use)
Schutzmaßnahmen abhängig vom Risiko.
A.5.19 – Information Security in Supplier Relationships
Risikobewertung von Produkten/Dienstleistungen von Lieferanten
Beinhaltet:
- Lieferantenrisiken
- Risiken aus Outsourcing
- Risiken aus Subdienstleistern
- Risiken aus SLA‑Änderungen, etc.
A.5.20 – Addressing Information Security in Supplier Agreements
Vertragliche Maßnahmen basierend auf Risiko.
A.5.21 – Managing Information Security in the ICT Supply Chain
Risikobewertung der gesamten Lieferkette.
A.5.23 – Information Security for Use of Cloud Services
Risiken bezüglich der Benutzung von Cloud‑Diensten müssen bewertet werden.
A.5.30 – ICT Readiness for Business Continuity
Risikoanalyse für Ausfälle, in anderen Worten: Business Impact Analyse, Feststellung der Kritischen Prozesse und Systeme
A.5.32 – Protection of Intellectual Property
Schutzmaßnahmen basieren auf Risiko.
A.6 – People Controls
A.6.1 – Screening
Risikobasierte Überprüfung von Personal.
A.6.3 – Disciplinary Process
Risikoabhängige Maßnahmen bei Verstößen.
A.7 – Physical Controls
Achtung, nicht wörtlich gefordert, aber sobald mehrere Standorte vorhanden sind, ist implizit eine Standort basierte Risikobetrachtung nötig
A.7.1 – Physical Security Perimeter
Risikobasierte Festlegung von Sicherheitszonen. Spätestens hier passt auch eine "PESTEL" orientierte Risikobetrachtung pro Standort, Bürogebäude, Rechenzentrum, Außenanlagen etc.
A.7.2 – Physical Entry Controls
Zutrittsrechte basierend auf Risiko.
A.7.14 – Secure Disposal
Risikobasierte Entsorgung von Datenträgern.
A.8 – Technische Controls
A.8.1 – User Endpoint Devices
Risikobasierte Schutzmaßnahmen für Endgeräte.
A.8.2 – Privileged Access Rights
Risikobasierte Vergabe von Adminrechten.
A.8.3 – Information Access Restriction
Zugriffskontrolle basierend auf Risiko.
A.8.4 – Access to Source Code
Risikobewertung bei Zugriff auf Quellcode.
A.8.8 – Management of Technical Vulnerabilities
Risikoanalyse von Schwachstellen.
A.8.9 – Configuration Management
Risikoanalyse bei Konfigurationsänderungen. (zusammen mit Change Management)
A.8.32 – Change Management
→ Risikobewertung bei Changes Beinhaltet z.B.:
- technische Änderungen
- Prozessänderungen
- Systemupdates
- neue Softwareversionen
- Die dazugehörigen Sicherheitsmaßnahmen sind das Testen, die Fall back Pläne, das Testmanagement, das Release Management etc.
A.8.11 – Data Masking
Maskierung abhängig vom Risiko.
A.8.12 – Data Leakage Prevention
Risikobasierte DLP‑Regeln.
A.8.16 – Monitoring Activities
Monitoring abhängig von Risiko.
A.8.26 - Application security requirements
Risikobetrachtung für Anforderungen, Auswahl und Einsatz von eingekauften Applikationen oder eigenentwickelten Applikationen.
A.8.28 – Secure Coding
Risikoanalyse für Softwareentwicklung.
4. Risikobetrachung im Projektumfeld / Projektmanagement
indirekt zum Beispiel über:
- A.5.19 (Lieferanten)
- A.8.10 (Change Management)
- A.5.7 (Threat Intelligence)
- A.5.12 (Klassifizierung)
- Und sehr direkt über den Stand der Technik, in jeder Projektmethodologie ist eine Risikobetrachtung adressiert!
Sicher kann man lange darüber diskutieren, was alles in welchem Umfang dokumentiert sein muss.
Das hier ist eine Diskussionsgrundlage, Betrachtungshilfe, um den Blick über den Tellerrand zu fördern.
Viel Spaß und viel Erfolg
